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Länger und flexibler arbeiten

27.06.2013
Weil wir älter werden, müssen wir künftig länger arbeiten. Das aber flexibler. Das war ein Grundtenor der "Tirol 2030"-Diskussion zum Thema Arbeit am Mittwochabend im ORF Tirol.

ORF-Redakteur Robert Unterweger fragte im Rahmen der Veranstaltung bei Unternehmern, Wissenschaftern und Personalverantwortlichen nach, wie vor allem die Wirtschaft anstehende Veränderungen meistern soll. Die zweite Grundhaltung der Gefragten: Unternehmen müssen künftig verstärkt auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Jene Wirtschaftsfelder, in denen die frühzeitige Anpassung an künftige Entwicklungen besonders wichtig ist, waren für die anwesende Landesrätin Patrizia Zoller-Frischauf Technik, Pflege und Gesundheit.


Kürzere Arbeitszeiten bei längerem Dienstleistungsangebot

Der Sozialwissenschaftler Bern Marin kritisierte das starre System in Österreich. In Nachbarländern wie der Schweiz, der Niederlande und Deutschland funktioniere individuelle Wahlarbeitszeit wie eine 28- oder 32-Stunden-Woche gut, bei uns werde sie fast nicht angeboten. Er konstatierte auch, dass die Wochenarbeitszeit sinken könne, wenn wir länger arbeiten. Denn „Ja, wir brauchen mehr Ruhezeiten, aber auch weniger Stillstandzeiten der Maschinen“, so Marin in Richtung Produktivitätssteigerung. Kein Verständnis zeigte Marin für den Verfall der Berufskultur: „Mit einer Spaßkultur allein lässt sich unsere Wohlfahrtsgesellschaft nicht aufrechterhalten“, warnte er. In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft sei es zudem unverständlich, dass man von Freitagnachmittag bis Montagfrüh sein Auto im Schadensfall nicht repariert bekomme. Böten wir unsere Dienstleistungen an 7 Tagen die Woche an, wäre unser hoher Freizeitanteil – wir haben 700 Stunden mehr davon im Jahr als unsere Eltern – mit einer Arbeitsgesellschaft vereinbar.


Ringen um Fachkräfte zwingt Wirtschaft zum Handeln
Arbeitspsychologe Jürgen Glaser widmete sich gleich einstiegs der Sinnfrage, denn: "Die heranwachsende Generation sucht Sinn in der Arbeit." Ein wichtiger Hinweis für die Wirtschaft, welche laut Glaser vom Ringen um Fachkräfte dazu gezwungen ist, sich um ihre Mitarbeiter zu bemühen. Hohe Anforderungen bewältigen und dabei gesund bleiben könnten Mitarbeiter dabei umso besser, je mehr diese auf ihre Arbeit selber Einfluss nehmen könnten. Bei hohen Anforderungen und geringer Einflussnahme würden Mitarbeiter Studien zufolge erkranken. Überhaupt würde es in Zukunft verstärkt darum gehen, Aufgaben und Kompetenzen sogar rund um die Stärken der Mitarbeiter aufzubauen.


Eingehen auf Mitarbeiter gefragt

Petra Spreitzhofer, Leiterin des Employer Brandings bei Plansee, sagt: „Ein Unternehmen muss wissen, für welche Werte es einsteht.“ Und Unternehmen seien dann erfolgreich, wenn sie auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter eingehen. Das stärke die Motivation, führe zu Kontinuität und Loyalität sowie längeren Verweildauern in Unternehmen sowie und ließe sich auch in Kennzahlen abbilden. Als Beispiel führt sie junge Mitarbeiter an, die ins Team kommen. Schon hier sollte man wesentlich mehr Zeit und Bemühen in deren Eingliederung investieren. Die Führungskräfteentwicklung bei Plansee baue beispielsweise darauf auf, dass die Mitarbeiter besonders wertschätzend behandelt werden. Bei den Führungskräften selbst gebe es dann auch keine guten Führungskräfte, nur passende; schließlich habe jedes Team anderen Führungsbedarf. Ebenso bei den Mitarbeitern; es gebe keine schlechten, nur schlecht eingesetzte.


Für Ende des Kommunikationswahnsinns

TiSUN-Geschäftsführer Robin Welling schlug in die gleiche Kerbe. Er müsse sich schon allein deshalb täglich um seine Mitarbeiter bemühen, weil er aus den Bezirken Kufstein und Kitzbühel keine Mitarbeiter bekomme. Die in Söll ansässige, familiengeführte TiSUN ist ein international tätiger Solarthermiespezialist und beschäftigt etwa 100 Mitarbeiter. Welling unterstützt, dass auch am Samstag oder Samstag gearbeitet werden muss, wenn man erfolgreich sein will, ist aber auch der Meinung: „Langfristig kann niemand länger als 40 Stunden die Woche kreativ sein.“ Mitarbeiter müsse man dann auch einbremsen, der Kommunikationswahnsinn müsse wieder aufhören. Die Automatisierung hält Welling für keinen Jobkiller, wenn man mehr Prozesse automatisieren könne, bekomme man wieder Mitarbeiter frei für neue Produkte. Auf die Demographie angesprochen, sagt Welling, er würde auch mehr über 50-Jährige beschäftigen, bekäme von dieser Seite aber keine Bewerbungen.


Auf die Gesundheit schauen

Petra Grössl-Wechselberger ist Vorsitzende der ARGE Betriebsräte der Tiroler Krankenhäuser. Sie berichtet aus ihrem Sektor, dass heute kaum jemand den Pflegeberuf auf Lebenszeit ausüben kann. Trotzdem lerne man heute bereits in der Ausbildung, wie man mit seinen Ressourcen schonend umgehen kann. Zudem sei von den Arbeitgebern auf nachhaltige Konzepte zur Gesundheitsförderung der Mitarbeiter zu setzen. Die Arbeitszeiten in den Spitälern und Gesundheitseinrichtungen würden den Arbeitnehmern zum Teil auch entgegenkommen, weil beispielsweise an Wochenenden oder in den Nächten der Partner die Kinderbetreuung übernehmen kann. Andererseits wäre Nachtdienst auf die Dauer ungesund. Deshalb sei es umso wichtiger, dass die Mitarbeiter auch selbst wissen, wie sie auf ihre Gesundheit schauen können. Insgesamt würde es aufgrund des demographischen Wandels neue Formen der Pflege brauchen – und viel Kreativität sowohl von den Arbeitgebern als auch den Pflegenden.


Zum Stichwort demographischer Wandel plädierte übrigens Bernd Marin: „Wir erwarten nicht, dass der Baupolier mit 67 Jahren noch am Gerüst steht. Aber er könnte den Jungen zeigen, wie man dieses baut, ohne dass jemand herunterfällt.“ „Career Development“ sei hier das Stichwort. Ein Stichwort, mit dem sich die Tiroler Unternehmen angesichts der Entwicklungen künftig verstärkt auseinandersetzen dürften.
 

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