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· Tätigkeitsbericht 2016 ·
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Interview
Im Gespräch:
Geschäftsführer Harald Gohm
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Der COWO Tirol im Panoramarestau-
rant ist durch den Abriss desselben bald
Geschichte. Kann das Konzept an anderen
Plätzen des Standorts Tirol übernommen
werden?
Harald Gohm: Ja, die Menschen hierher zu
holen, natürlich auch mit guter Fluganbin-
dung und Erreichbarkeit aus der Stadt, sind
Punkte, von denen wir sagen: Das kann man
in Tirol durchaus größer denken. Im nächsten
Schritt geht es darum, gemeinsam mit Touris-
tikern Produkte aufzubauen, in denen Hotel,
Unterkünfte, Freizeitprogramm und die Mög-
lichkeit des digitalen Arbeitens enthalten sind.
Wir sind auch in Gesprächen mit anderen
Tiroler Gemeinden und Skigebietsbetreibern,
damit es nicht nur temporär war. Wir haben
gesehen, dass das Potenzial da ist, wir hatten
ein gutes Medienecho und wollen es weiter
ausbauen.
In Kooperation mit aws und FFG waren
im Rahmen von GIN, dem Global Incuba-
tor Network, auch internationale Start-
ups zu Gast im COWO Tirol. Sehen Sie
generell Start-ups und deren (temporäre)
Ansiedlung als Chance für den Standort?
Harald Gohm: Mit GIN, einer Aktion der
Republik Österreich, versucht man, Österreich
als Hot-Spot für diese Start-up-Szene sichtbar
zu machen. Gedacht hat man, das sei nur
Wien bzw. der urbane Raum. Mit dem COWO
Tirol haben wir etwas provoziert: Könnte
man nicht diese Start-ups für ein paar Tage
nach Tirol bringen? Das Ergebnis war eine
extrem positive Resonanz, im Nachbericht
sieht man, dass sie davon erzählen, in Tirol auf
2.000 Meter gewesen zu sein, bei Föhnsturm
draußen gewesen zu sein, hier gearbeitet zu
haben und die regionale Wissenschaftsszene
und Investoren getroffen zu haben.
Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Harald Gohm: Dass wir für solche Aktionen
und für Gründer attraktiv sind. Bestätigt wur-
den wir darin auch in einer Schweizer Studie
zur Zukunft des Berggebiets. Der Business
Angel Summit in Kitzbühel, den wir heuer
zum dritten Mal mit der aws veranstalten,
wurde als Beispiel genannt, wie wir Zweit-
Interview
Wir sitzen imCOWO Tirol, dem höchsten
Coworking Space der Alpen, im Panorama-
restaurant der Patscherkofelbahn. Wie ist
Ihr Resümee des COWO Tirol?
Harald Gohm: Der COWO Tirol hier ist
ein Symbol, ein Testbetrieb für neues Leben,
neues Arbeiten im Gebirge. In der Betriebs-
ansiedlung, in der Wirtschaftsförderung
versucht man oft Dinge von außen nach Tirol
zu bringen. Man schaut aber zu wenig auf die
eigenen Stärken. Die Erkenntnis war, dass wir
den alpinen Raum und das traumhafte Umfeld
haben und uns neue Technologien die Mög-
lichkeit geben, Arbeiten, Leben und Freizeit
sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Durch
die Kooperation mit der Stadt Innsbruck und
die Bereitschaft der politisch Verantwortli-
chen hatten wir im Herbst die Möglichkeit,
diesen Raum mit wenigen Adaptionen in
einem Testbetrieb zu nutzen.
War der Testbetrieb erfolgreich?
Harald Gohm: Im Herbst waren rund 300
Leute in zwei Wochen hier – ob Coworker
oder digitale Nomaden, ob bei Veranstaltun-
gen, Tagungen oder Vorlesungen. In der Win-
tersaison haben wir die Kombination dieses
Angebots mit Skifahren und Freizeit getestet.
Offen für alle an zwei Tagen, die anderen Tage
– das haben wir aus der Nachfrage gelernt –
für geschlossene Veranstaltungen. Im April ist
zum Beispiel Audi im COWO Tirol. Für die
Arbeit an abteilungsinternen Prozessen wählt
man ganz bewusst die besondere Location
am Patscherkofel, in immerhin knapp 250
Kilometer Entfernung von Ingolstadt.
Der COWO Tirol als Platz für Klausuren…
Harald Gohm: Es ist mehr als ein Cowor-
king Space im klassischen Sinn. Wir haben
den Namen genommen, weil er prägnant
und klingend ist, aber eigentlich ist es ein
Klausurraum, ein Raum für Rückzug und
Konzentration sowie für ganz verschiedene
Anwendungen.
War dieser Rückzugsraum von Anfang an
geplant?
Harald Gohm: In der Entwicklung des Pro-
jekts haben wir uns Konzepte in Berlin, Amster-
dam etc. angeschaut. Die erste Idee war, so ein
Konzept in den heimischen urbanen Raum zu
bringen. Dann fehlt aber das Argument, warum
jemand aus Berlin, aus seinem Soziotop, in
dem er gut vernetzt ist, hierher kommen soll.
Das brachte uns zu unserem absoluten Asset
alpiner Raum. Gerade heuer hatten wir einen
tollen Winter mit vielen Sonnentagen, während
woanders Menschen in Coworking Spaces von
nebeligen Städten saßen.
Generell liegt Workation, die Verbindung
von Urlaub und Arbeit, im Trend. Kann
Tirol gegen andere Workation-Destinatio-
nen bestehen?
Harald Gohm: Uns sind die buchbaren
touristischen Produkte für digitale Nomaden
aufgefallen, überall, wo Meer, Internet und
Infrastruktur im Sinne von Coworking-Räu-
men vorhanden sind. Wir sind nun die ersten,
die diesen Trend in die Berge bringen, die es
auch etwas radikaler denken, und gleich den
höchstgelegenen Coworking-Raum geschaffen
haben. Und das in ansprechender Größe mit
Platz für Veranstaltungen mit 80, 100 Leuten.
Ruheort
FÜR D I G I TA L E
NOMAD EN
Harald Gohm über das neue alte Stärkefeld
Sporttechnologie, über den COWO-Testbetrieb
am Patscherkofel, das Potenzial von alpinen
Coworking Spaces für den Standort und den
bleibenden Eindruck auf internationale
Start-ups. Um diese gebe es durchaus einen
Hype, der Geschäftsführer der Standortagentur
Tirol ist aber von einer nachhaltigen
Entwicklungüberzeugt: „Das Denken der
nächsten Generationhat sich gewandelt.“
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