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· Tätigkeitsbericht 2016 ·
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Matthias Dengg denkt aber noch einen
Schritt weiter, für ihn haben die aktuellen
Tourismusseiten noch sehr viel Potenzial.
Über die Besucher der Websites könnten die
TVBs viel über ihre Gäste erfahren, nicht
nur, von wo sie zugreifen und welche Seiten
und Features sie bevorzugen. Der Speed U
Up-Geschäftsführer denkt an Buchungs-,
Ski- und Reisedaten oder eine Verknüpfung
zu den privaten Sozial Media Daten. Das
gewonnene Wissen, fügt Eva-Maria Hänel
hinzu, könne zum Beispiel für gezieltes Mar-
keting eingesetzt werden. Speziell auf den
Gast zugeschnitten, transportiert über den
Kanal, der exakt auf ihn passt. „Wichtig dabei
ist der Content, ohne Inhalte nutzen gute
Technologien nichts“, ergänzt Dengg.
In Zusammenhang mit Inhalten im Web
fokussieren die beiden Geschäftsführer noch
ein weiteres Thema: das Erfassen von Erleb-
nissen in Text, Bild- und Videoformaten und
deren Verbreitung im Netz. Der Standard-
pressetext, sind die zwei MCI-Absolventen
überzeugt, hat nicht mehr die Relevanz wie
früher, die Zukunft ist für sie „emotionaler
Content“ mit der passenden (Bild-)Sprache
für Facebook, Twitter, Youtube, Instagram
etc. Als Beispiel nennt Hänel einen Neukun-
den, Corvara in Südtirol: „Wir waren einen
Tag mit einem Team vor Ort, Redakteur und
Fotograf. Der produzierte Content wird
gezielt auf Special-Interest-Plattformen
distribuiert.“
Tirol als Standort wurde bewusst gewählt,
den dauerhaften Technologievorsprung für
Speed U Up, so Kaphton-Vorstandsmitglied
Sven Thönes, wolle man „durch eine enge
Zusammenarbeit mit dem Semantic Tech-
nology Institute sichern“. Innsbruck soll der
Ausgangspunkt sein, „um den deutschspra-
chigen Alpenraum von seiner Zentrale aus
zu bearbeiten.“ Ähnlich formuliert Uwe Sima
die Motivation der italienischen Serenissima
Informatica, in Innsbruck mit Serenissima
Informatica Austria an den Start zu gehen.
Mit Büroautomation beschäftigt sich das Un-
ternehmen aus Padua schon seit den 1950er
Jahren, mit dem Eintritt ins Informationszeit-
alter wurde 1980 die Serenissima Informatica
gegründet. Im Angebot hat man, so Sima, ein
Gesamtsoftwarepaket für Hotellerie und Gas-
tronomie ab dem Drei-Sterne-Superior- bzw.
Vier-Sterne-Bereich, die Softwarelösungen
vereinen Front- und Back-Office, Restaura-
tionsbetrieb, Einkauf und Warenwirtschaft,
Verwaltung der Sport- und Wellness-Angebo-
te, Buchhaltung und Controlling sowie eine
Analyse der Daten über Buchungen, Umsätze,
Übernachtungen, Aufenthalte und Gäste.
„Die Idee, auch in Österreich und Südtirol Fuß
zu fassen, stand bei Serenissima schon länger
im Raum“, erzählt Sima, „ein Hindernis war
die Sprachbarriere.“ Sima selbst hat mehr-
jährige Italienerfahrung, hat dort auch mit
Serenissima-Produkten gearbeitet. Vor vier
Jahren übernahm er ein größeres Projekt in
Österreich und fragte bei Serenissima nach, ob
Interesse an Österreich bestehen würde. „So
wurde die Idee geboren“, resümiert er, nach
Businessplan und Konkurrenzbeobachtung
war klar, dass man starten möchte.
Italien und Deutschland sind die „Haupt-
märkte“, wenn es um Betriebsansiedlungen in
Betriebsansiedlung
„Die touristische Zukunft des
Alpenraums hängt von einem
breiten Einsatz moderner
digitaler Technologien ab.“
Speed U Up betreibt „Digital Pioneering“ und
brachte die MCI-Absolventen Eva Maria Hänel
und Matthias Dengg wieder zurück nach Tirol.
Sven Thoenes, Kapthon-Vorstandsmitglied: „Innsbruck
soll der Ausgangspunkt sein, um den deutschsprachigen
Alpenraum von seiner Zentrale aus zu bearbeiten.“
Betriebsansiedlung
Tirol übt nicht nur auf Gäste, sondern auch auf den IT-Sektor seinen Reiz
aus – ein Drittel der letztjährigen Betriebsansiedlungen beschäftigt sich mit
Digitalisierung. Warum der Standort Tirol für die Branche so reizvoll ist,
zeigen Speed U Up, Serenissima Informatica Austria und Cheers.House.
S
ie kommen aus dem irischen Cork, aus
München und dem norditalienischen
Padua, ihr Ziel ist Tirol. Nicht der
Berge und des Urlaubs willen, Tirol soll ihnen
Arbeitsplatz und berufliches Betätigungsfeld
sein. Doch ohne Tourismus, ohne der Vorrei-
terrolle Tirols als Land der Gastgeber hätten
Cheers.House, Speed U Up und Serenissima
Informatica nicht den Schritt über die Grenze
gewagt, liegt ihre Kompetenz doch in der
Digitalisierung des Tourismus.
26 Unternehmen aus dem Ausland bzw. aus
anderen österreichischen Bundesländern
haben sich – betreut von der Standor-
tagentur Tirol – im Jahr 2016 in Tirol neu
niedergelassen, speziell Firmen aus dem
Bereich der Informations- und Kommuni-
kationstechnologien setzten ihr Interesse
auch in die Tat um. Mit neun Unternehmen
stammen 34 Prozent der Ansiedlungen aus
dem Themenfeld Digitalisierung. Harald
Gohm, Geschäftsführer der Standortagen-
tur Tirol, zu den Motiven: „Spezialisten aus
dem IKT-Sektor können in Tirol dank der
starken Informatik an unseren Universitäten
und Fachhochschulen sowohl auf technolo-
gischen Vorsprung als auch auf verfügbare
Fachkräfte zählen. Zudem finden die IT-Pro-
fis unter den Ansiedlern einen attraktiven
Heimmarkt bzw. eine hohe Nachfrage in
bestehenden Tiroler Stärkefeldern vor. Denn
die Digitalisierung wird im produzieren-
den Bereich ebenso vorangetrieben wie in
dienstleistungsorientierten Sektoren wie
dem heimischen Tourismus.“
Auf zweifache Weise stürzt sich Speed U Up
in die heimische Tourismusszene, bedingt
auch durch die berufliche Vergangenheit der
zwei Geschäftsführer, die das 2016 durch-
gestartete Spin-Out der Münchner Kapthon
AG wieder nach Tirol brachte. Eva-Maria
Hänel studierte am MCI, arbeitete danach
in Deutschland im Marketing-Bereich der
Starwood Hotels und wechselte 2014 zur
Kaphton AG. Ihr Geschäftsführer-Partner
Matthias Dengg absolvierte auch das MCI,
über SAP und das Alpenresort Schwarz kam
er schließlich zu Speed U Up. Mit „Marke-
ting und Technik“ beschreiben Hänel und
Dengg daher ihre Arbeitsschwerpunkte, beide
basierend auf effektives Nutzen digitaler
Technologien.
„Die touristische Zukunft des Alpenraums
hängt von einem breiten Einsatz moderner
digitaler Technologien ab. Zum Beispiel
finden künftig nur strukturierte, semantisch
annotierte Daten eine rasche Verbreitung.
Die entsprechende Aufbereitung der Daten
müssen die Anbieter bereits heute in Angriff
nehmen“, weiß Hänel. Das Internet der
Zukunft sucht nicht mehr nach Keywords, in
den Mittelpunkt der Suche rückt die inhaltli-
che Bedeutung von Texten und Suchanfragen.
Dengg legt daher aktuell den Fokus seiner Ar-
beit auf die „Annotationen von Daten“, um die
Inhalte von Websites maschinenlesbar zu ma-
chen. „Weil Google, Facebook, Amazon & Co
zu Vermittlern von Dienstleistungen auf Basis
persönlicher Userprofile werden, müssen die
eigenen Daten ausnahmslos für die Maschi-
nen dieser Anbieter lesbar sein bzw. annotiert
werden. Bei der Vorbereitung kommt aus
unserer Sicht den Tourismusverbänden eine
zentrale Rolle zu. Kurbeln diese den digitalen
Direktvertrieb auf eben diesen neuen Kanälen
an, können die verbleibenden Zeitfenster
effektiv genutzt und die Wertschöpfung aus
Vermittlung verstärkt in der Region gehalten
werden“, erklärt Hänel. Konkret angegangen
wird die Suchmaschinen-Zukunft von Speed
U Up – in Kooperation mit dem Semantic
Techonlogy Institute der Universität Inns-
bruck – schon mit den TVBs Seefeld und
Erste Ferienregion im Zillertal.