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· Tätigkeitsbericht 2016 ·

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Mobilitäten

Sie kann nur jedem raten, einmal im Leben solch eine

Erfahrung zu sammeln, sagt Julia Lintner, die dank

Erasmus+ ihr Praktikum im sonnigen Italien absolvierte.

Ferne Welten

D

er Tag der Geburt ist nicht genau bekannt, auch über das Ge-

burtsjahr weiß man nicht Bescheid, selbst der Geburtsort wird

nur vermutet. Bekannt sind aber die Stationen des späteren

Lebens: Schulbesuche in Gouda, Utrecht und Deventer, Priesterwei-

he in Gouda, Studien in Paris, Cambridge und Turin, Aufenthalte in

Venedig und Löwen, Jahre in Basel und Freiburg, Tod in Basel. Ein

bewegtes Leben, nicht nur geografisch, gilt der Gelehrte doch als einer

der bedeutendsten und einflussreichsten Repräsentanten des europäi-

schen Humanismus. Viele Denkmäler wurden ihm gesetzt, allein in der

Stadt Rotterdam, in der er angeblich geboren ist, sind die Universität,

eine Brücke, eine U-Bahnlinie und ein Krankenhaus nach ihm benannt.

Auch die EU ehrt Erasmus, der oft als erster Europäer bezeichnet wird,

das Erasmus-Programm war das weltweit größte Förderprogramm

von Auslandsaufenthalten an Universitäten, die Fortführung Erasmus+

vereint seit 2014 alle EU-Programme für allgemeine und berufliche

Bildung, Jugend und Sport auf europäischer und internationaler Ebene,

ist sozusagen der grenzenüberschreitende Bildungsturbo Europas.

Auch Julia Lintner schaffte es dank Erasmus+ über die Grenzen, für

ihr vorgeschriebenes Praktikum an den Zillertaler Tourismusschulen

wagte die Wattenerin den Sprung nach Cavallino-Treporti. Vielleicht

kam sogar der wahre Erasmus dort einmal vorbei, grenzt doch die

13.000-Einwohner-Gemeinde direkt an Venedig, wo der Humanist

immer wieder beim Verleger seiner Werke, dem Buchdrucker Aldus

Pius Manutius, vorbeischaute. Zwei Monate verbrachte Julia Lintner

als Praktikantin im Hotel Ca' di Valle, am Anfang, blickt sie zurück,

hatte sie etwas Heimweh, das sich aber mit der Zeit legte. „Es wurde

der beste Sommer meines Lebens. Zwei Monate weg von den Eltern,

Sonne, Strand und die besten Kollegen, die man nur haben kann. Was

will man bitte mehr?“ Lintner war eine von von 82 Schülerinnen und

Schülern berufsbildender mittlerer und höherer Schulen, die im Jahr

2016 – betreut von der Standortagentur Tirol – mit Hilfe von Eras-

mus+ ein Auslandspraktikum absolvierten. Dazu kommen noch 79

Studierende, vier Graduierte – junge Fachkräfte maximal ein Jahr nach

ihrem Abschluss – und fünf Lehrlinge, weiß Katharina Schmidhofer,

die für Mobilitätsprogramme zuständige Mitarbeiterin der Standor-

tagentur Tirol.

„Im Prinzip“, sagt Schmidhofer, „ist die heutige Generation sehr offen

und motiviert, ins Ausland zu gehen. Bei den Schülern läuft es ganz

gut.“ Lehrerinnen und Lehrer würden bei den Pflichtpraktika auf die

Vorteile eines Auslandsaufenthalts für die Fremdsprachkenntnisse

verweisen, auch Schülerinnen und Schülern höherer Jahrgänge seien

Vorbilder. „Eher schwierig ist es bei den Lehrlingen“, berichtet Schmid-

hofer. Einerseits fehle der Lehrling im Betriebe, andererseits sei die

Hürde der Fremdsprache größer: „Sie bevorzugen daher Aufenthalte

in Deutschland, Südtirol und der Schweiz, auch sind die Praktika mit

drei bis vier Wochen kürzer.“ Speziell für Junge Fachkräfte initiierte

die Tiroler Arbeiterkammer 2006 das Projekt TirolerInnen auf der

Walz, damit diese von Erasmus+ profitieren können – 2010 kamen

auch Lehrlinge und Schüler dazu. Koordiniert wird das Projekt von

der Standortagentur Tirol, finanzielle Unterstützung gibt's zudem vom

Land Tirol. „Über das internationale Austauschprogramm xchange

haben wir ein Netzwerk im Hintergrund, mit dem wir die passenden

Praktikumsplätze für Lehrlinge suchen können“, erklärt die Mobili-

tätsspezialistin. Auch ausländische Lehrlinge, die Erfahrung in Tirol

sammeln wollen – 2016 waren's vier –, unterstützt Schmidhofer bei

der Suche, „ganz optimal wäre da natürlich ein zeitgleicher Austausch“.

Für 2017 ist geplant, sich vermehrt um Erasmus-willige Lehrlinge zu

kümmern: „Sie sind in ihrer Zeit im Ausland weiterhin in Österreich

sozial- und krankenversichert, der Betrieb bekommt für die Zeit des

Praktikums die Lehrlingsentschädigung von der Wirtschaftskammer

refundiert.“

Je nach Gastgeberland werden die Praktikantinnen und Praktikanten

mit 500 bis 600 Euro gefördert, dazu kommt noch eine Reisekosten-

pauschale. Speziell bei den Praktika im Hotelgewerbe sei es so, dass die

Schülerinnen und Schüler Kost und Logis erhalten, auch Julia Lintner

fand im Hotel Ca' di Valle Unterschlupf, vor allem aber auch Anschluss:

„Wir haben alles gemeinsam gemacht, keiner wurde ausgegrenzt. Wir

waren ein Team und das hat man bis zum letzten Tag gesehen.“ Natür-

lich gebe es, so die Schülerin, einige Dinge die man bei einem Ausland-

spraktikum beachten sollte, etwa Kenntnisse in der Landessprache zu

haben, auch solle man sich bewusst sein, dass man im Ausland oft viel

mehr arbeiten müsse als in Österreich. „Trotzdem“, betont Julia Lintner,

„kann ich an meiner Stelle nur jedem raten, einmal in seinem Leben

diese Erfahrung zu sammeln.“

Hintergrund

Die Standortagentur Tirol wickelt in Tirol seit dem Jahr 2011 EU-geförderte

Berufspraktika in Europa von jungen Tiroler Arbeitnehmern & Tiroler Lehrlingen,

von Tiroler Schülern berufsbildender mittlerer und höherer Schulen sowie von

Studierenden und Graduierten der Tiroler Hochschulen und der Fachhochschule

Dornbirn ab. Das Handlungsfeld dient neben der Internationalisierung vor allem

der Höherqualifizierung heimischer Fachkräfte, die ihre gesammelten fachlichen

und persönlichen Erfahrungen im Anschluss an die Berufspraktika im europäi-

schen Ausland in den Tiroler Arbeitsmarkt einbringen. Zahlen, Daten und Fakten

zu den sogenannten Mobilitäten 2016 lesen Sie ab Seite 52.

Mobilitäten

Erasmus von Rotterdam reiste im 16.

Jahrhundert durch halb Europa, Erasmus+

eröffnet heute Studenten, Schülern und

Lehrlingen die gesamte EU.